02_2025 „Demenz nach Schlaganfall"
Ein Interview mit Jule Filler und Prof. Dichgans zum Thema "Demenz nach Schlaganfall" !
Liebe Frau Filler, lieber Herr Prof. Dichgans,
von Angehörigen hören wir immer wieder, dass Patientinnen oder Patienten nach einem Schlaganfall „vergesslich“ wirken. Häufig stellt sich die Frage, ob es sich hierbei um eine vorübergehende Veränderung handelt oder ob sich bereits eine Demenz entwickelt. Wir danken Ihnen, dass Sie uns als Experten erklären möchten, welche Zusammenhänge zwischen Schlaganfällen und dem Risiko für Demenz bestehen.
1. Viele Menschen verbinden Demenz vor allem mit der Alzheimer-Krankheit. Wodurch unterscheidet sich eine Demenz nach einem Schlaganfall (sog. “post-stroke Demenz”) von anderen Demenzformen?
Die Alzheimer-Erkrankung ist zwar in 60-70% die häufigste Ursache für eine Demenz, aber es gibt auch andere Formen – zum Beispiel die sogenannte vaskuläre, d.h. gefäßbedingte Demenz. Diese tritt zum Beispiel bei Menschen auf, die nach einem Schlaganfall eine Demenz entwickeln, allein innerhalb des ersten Jahres nach einem Schlaganfall bis zu 40%. Das Risiko für eine Demenz hängt allerdings stark von individuellen Risikofaktoren einer Person ab.
Bei der vaskulären Demenz ist die Ursache meist eine gestörte Durchblutung im Gehirn. Das kann durch kleine oder größere Infarkte oder Blutungen, aber auch durch viele kleinste Gefäßschäden passieren, die über längere Zeit hinweg das Gehirn beeinträchtigen. Schätzungsweise sind etwa 20% aller Demenzen ausschließlich vaskulär bedingt.
Im Unterschied zur Alzheimer-Demenz, die sich meist schleichend entwickelt und langsam fortschreitet, kann eine vaskuläre Demenz auch plötzlich auftreten – zum Beispiel nach einem Schlaganfall. Auch der Verlauf ist oft anders als bei der Alzheimer-Demenz: Die Symptome können stärker schwanken oder sich stufenweise verschlechtern – also nach einer stabilen Phase plötzlich deutlich schlimmer werden, anfangs ist meist nicht unbedingt das Gedächtnis betroffen.
Allerdings ist es in der Praxis oft schwierig, allein anhand der Symptome sicher zu sagen, ob jemand eine Alzheimer-Demenz, eine vaskuläre Demenz oder eine Mischform hat. Dafür sind genauere medizinische Untersuchungen nötig. Studien haben gezeigt, dass etwa 50-75% aller Patientinnen und Patienten mit einer Alzheimer-Erkrankung vor allem mit zunehmendem Alter auch vaskuläre Veränderungen im Gehirn haben, die zu der Demenz beitragen können.
2. In Ihrer umfangreichen Meta-Analyse haben Sie Risikofaktoren für eine Demenz nach Schlaganfall untersucht. Welche Faktoren konnten Sie dabei feststellen?
In unserer Meta-Analyse haben wir die Ergebnisse von fast 90 bereits veröffentlichten Studien ausgewertet, um besser zu verstehen, welche Faktoren das Risiko für eine Demenz nach einem Schlaganfall erhöhen. Dabei haben wir einige wichtige Risikofaktoren identifizieren können.
Ein ganz wesentlicher Faktor ist das Alter – je älter eine Person bei einem Schlaganfall ist, desto höher ist das Risiko, später eine Demenz zu entwickeln. Besonders interessant war aber, dass Menschen, die schon kurz nach dem Schlaganfall deutliche Anzeichen von Gedächtnis- oder Konzentrationsproblemen zeigten, ein rund dreifach erhöhtes Risiko hatten, später eine Demenz zu entwickeln.
Darüber hinaus haben wir festgestellt, dass bestimmte Vorerkrankungen das Risiko ebenfalls erhöhen – vor allem Diabetes, Vorhofflimmern und frühere Schlaganfälle. Das sind Faktoren, die medizinisch gut behandelbar sind, was sie besonders relevant macht.
Auch der Bildungsgrad spielt eine Rolle: Personen mit höherer Bildung oder geistig aktiver Lebensweise scheinen ein gewisses ‚kognitives Polster‘ zu haben, das sie schützt.
Und schließlich spielt auch der Zustand des Gehirns zum Zeitpunkt des Schlaganfalls eine wichtige Rolle. In einer Kernspintomographie (MRT) kann man zum Beispiel erkennen, ob das Gehirn schon an Volumen verloren hat oder ob es Anzeichen einer sogenannten Kleingefäßerkrankung gibt. Beides weist auf ein erhöhtes Risiko für eine spätere Demenz hin.
3. In Ihrer neuesten multi-zentrischen Studie konnten Sie weitere Risikofaktoren für eine Demenz nach Schlaganfall identifizieren. Dabei sind Sie auf das metabolische Syndrom gestoßen. Worum geht es hier genau?
In unserer Studie haben wir festgestellt, dass Personen mit einem sogenannten metabolischen Syndrom ein deutlich erhöhtes Risiko haben, nach einem Schlaganfall eine Demenz zu entwickeln. Genauer gesagt: Innerhalb von fünf Jahren war ihr Risiko doppelt so hoch wie bei Menschen ohne das metabolische Syndrom. Betrachtet man ausschließlich Demenzen, die erst sechs Monate oder später nach dem Schlaganfall auftreten – also die langfristigen Folgen – war das Risiko sogar 3,5-mal höher.
Das metabolische Syndrom ist keine einzelne Erkrankung, sondern eine Kombination mehrerer gesundheitlicher Probleme, die gemeinsam auftreten und auf einen gestörten Stoffwechsel sowie ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen hinweisen. Dazu gehören vor allem: ein erhöhter Bauchumfang (also Übergewicht im Bauchbereich), Bluthochdruck, eine Störung des Zuckerstoffwechsels wie Diabetes oder Prädiabetes und ungünstige Blutfettwerte.
Die Hauptursache dafür ist meist ein ungesunder Lebensstil – also zu wenig Bewegung und eine überkalorische und unausgewogene Ernährung. Das Gute ist: Viele dieser Faktoren lassen sich durch Lebensstilveränderungen positiv beeinflussen.
4. Die Vorbeugung und die Gesundheit der Blutgefäße im Gehirn spielen eine große Rolle. Welche Maßnahmen können Menschen ergreifen, um einer Demenz nach Schlaganfall vorzubeugen?
Tatsächlich wissen wir heute, dass viele der Risikofaktoren, die zu einem Schlaganfall führen, auch das Risiko für eine spätere Demenz erhöhen – insbesondere, wenn die kleinen Blutgefäße im Gehirn geschädigt sind. Zu diesen Risikofaktoren gehören vor allem Bluthochdruck, Diabetes, das metabolische Syndrom, aber auch Rauchen oder starkes Übergewicht.
Das bedeutet: Wer seine Herz-Kreislauf-Gesundheit schützt, senkt nicht nur das Risiko für Schlaganfälle, sondern auch für eine mögliche Demenz danach. Wichtig ist daher, dass man kardiovaskuläre Risikofaktoren frühzeitig erkennt und behandelt – idealerweise, bevor es überhaupt zu einem Schlaganfall kommt – aber erst recht nach einem Schlaganfall.
Konkret heißt das: auf eine ausgewogene Ernährung achten, regelmäßig körperlich aktiv sein, Normalgewicht anstreben und Risikofaktoren wie hohen Blutdruck oder hohen Blutzucker konsequent behandeln – sei es durch Lebensstiländerungen oder durch Medikamente. Besonders wichtig ist auch, die ärztlich verordneten Medikamente regelmäßig und zuverlässig einzunehmen. All diese Maßnahmen können dazu beitragen, die Blutgefäße im Gehirn langfristig zu schützen und das Risiko für spätere kognitive Probleme zu verringern.
5. Was waren für Sie die wichtigsten Erkenntnisse aus ihren Studien? Gab es Ergebnisse, die Sie besonders überrascht haben?
Für uns war besonders wichtig zu erkennen, dass es tatsächlich einige Risikofaktoren für Demenz nach einem Schlaganfall gibt, die man beeinflussen kann – etwa durch Lebensstilveränderungen oder gute medizinische Betreuung. Das gibt Hoffnung, dass sich manche Demenzen nach einem Schlaganfall vielleicht verhindern oder zumindest hinauszögern lassen. Überraschend war, dass erneute Schlaganfälle, die nach dem ersten Schlaganfall auftraten, eine weitaus geringere Rolle für die Entstehung von Demenz spielten als bisher angenommen. Das zeigt, dass auch andere, weniger beachtete Mechanismen eine große Rolle spielen könnten, was einer gezielteren Diagnostik, Nachbeobachtung und Behandlung nach Schlaganfall bedarf.
6. Welche Bedeutung hat die Rehabilitation nach einem Schlaganfall, wenn es um das Risiko für eine Demenz geht?
Eine Rehabilitation nach einem Schlaganfall ist sehr wichtig – nicht nur, um beispielsweise körperliche Einschränkungen zu verbessern, sondern auch, um einer Demenz vorzubeugen. Physiotherapie, Sprachtherapie und Ergotherapie helfen den Betroffenen, wieder aktiver und selbstständiger zu werden. Das hat auch positive Auswirkungen auf das Gehirn, da Aktivität und soziale Teilhabe die geistige Gesundheit fördern. Zusätzlich könnten gezielte Programme zur Verbesserung des Denkvermögens und der körperlichen Bewegung dabei helfen, geistigen Abbau zu verlangsamen. Zwar wissen wir noch nicht genau, welche solcher Programme am besten wirken und wie stark die kognitiven Fähigkeiten bewahrt werden können – aber es ist davon auszugehen, dass die meisten Arten von geistiger und körperlicher Aktivität hilfreich sein könnten.
7. Gibt es Hoffnung auf medikamentöse oder therapeutische Ansätze, die speziell eine Demenz nach Schlaganfall verhindern oder zumindest verlangsamen können?
Momentan gibt es noch keine Medikamente, die gezielt eine Demenz nach einem Schlaganfall verhindern können. Deshalb ist es umso wichtiger, bekannte Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes oder Bewegungsmangel ernst zu nehmen und konsequent zu behandeln. Studien in der Allgemeinbevölkerung haben gezeigt, dass ein gesunder Lebensstil sowie eine gezielte Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Risikofaktoren die geistige Leistungsfähigkeit fördern und das Demenzrisiko senken können. Diese Erkenntnisse geben Hoffnung, dass solche Maßnahmen auch nach einem Schlaganfall helfen könnten, geistigen Abbau zu verlangsamen. In unserer Studie haben wir zudem gesehen, dass eine schnelle und geeignete Frühtherapie, besonders bei schweren Schlaganfällen, mit einem geringeren Risiko für eine spätere Demenz verbunden war.
Zusammengefasst lässt sich also sagen: Sowohl die Akuttherapie als auch eine langfristige Nachsorge und das konsequente Management von Risikofaktoren können entscheidend dazu beitragen, ob und wie schnell sich eine Demenz entwickelt – oder ob ihr Fortschreiten verlangsamt werden kann.
Frau Jule Filler und Herr Prof. Dichgans, wir danken Ihnen herzlich für das Interview und Ihre Zeit!
Das Interview führten Dr. Anna Dewenter und Dr. Katharina Bürger.
Zur Person - Jule Filler:

Jule Filler studierte Gesundheitswissenschaften an der Technischen Universität München sowie Epidemiologie an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. Derzeit promoviert sie im Rahmen des PhD-Programms der Graduate School of Systemic Neurosciences am Exzellencluster der LMU Bayern und wird voraussichtlich Ende 2025 an der LMU München die Promotion abschließen. Seit November 2021 forscht sie am Institut für Schlaganfall- und Demenzforschung zu Risikofaktoren und Prädiktoren für Demenz und kognitive Störungen nach Schlaganfall. Dabei analysiert sie u.a. Daten aus großen, multizentrischen Schlaganfallstudien.
Zur Person - Prof. Martin Dichgans:
Prof. Martin Dichgans studierte Medizin in Heidelberg, an der LMU München und an der University of Michigan, Ann Arbor (USA). Nach seiner Promotion am Zentrum für Molekulare Biologie Heidelberg spezialisierte er sich an der Neurologischen Klinik der LMU auf genetische und zellbiologische Aspekte neurologischer Erkrankungen. Forschungsaufenthalte führten ihn an das Alzheimer Research Laboratory, Case Western Reserve University, Cleveland, Ohio.
Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen in den Bereichen Schlaganfall, vaskuläre Demenz und Atherosklerose, mit besonderem Fokus auf molekulare Grundlagen, Genetik und Bildgebung. Er baute am LMU Klinikum eine eigene neurovaskuläre Arbeitsgruppe auf und leitet seit 2002 die Arbeitsgruppe Neurogenetik, seit 2004 die Arbeitsgruppe Experimentelle Schlaganfallforschung.
Seit 2006 ist er Professor für Neurologie an der LMU und seit 2010 Gründungsdirektor des Instituts für Schlaganfall- und Demenzforschung (ISD) am LMU Klinikum. Zudem ist Prof. Dichgans Sprecher des Exzellenzclusters SyNergy (Munich Cluster for Systems Neurology).
