01_2026 „Demenz bei Menschen mit Down-Syndrom"

Das Thema Demenz bei Menschen mit Down-Syndrom rückt in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus – sowohl in der Forschung als auch in der klinischen Versorgung. Als genetische Erkrankung mit einem deutlich erhöhten Risiko für eine Alzheimer-Demenz stellt das Down-Syndrom eine besondere Herausforderung dar, eröffnet zugleich aber auch wichtige Einblicke in die Mechanismen neurodegenerativer Erkrankungen.

EinBlickDemenz sprach mit Prof. Dr. med. Johannes Levin, der als ausgewiesener Experte die Zusammenhänge, Besonderheiten und aktuellen Entwicklungen in diesem wichtigen Bereich erläutert.

Menschen mit Down-Syndrom haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Alzheimer. Woran liegt das?

Der zentrale Grund ist die sogenannte Trisomie 21, also das Vorhandensein eines zusätzlichen Chromosoms 21. Auf diesem Chromosom befindet sich das APP-Gen, das die Bauanleitung für das Amyloid-Vorläuferprotein (APP) enthält. Durch die zusätzliche Kopie dieses Gens wird dieses Eiweiß vermehrt produziert. APP ist das Ausgangsprotein für die Bildung von Beta-Amyloid, das sich im Gehirn ablagert und die typischen Alzheimer-Plaques bildet. Durch die erhöhte Produktion von APP kommt es daher auch zu einer verstärkten Bildung dieser Ablagerungen, die bei Menschen mit Down-Syndrom früher und in größerer Menge entstehen. Diese frühe und ausgeprägte Amyloid-Belastung gilt als Hauptursache dafür, dass Menschen mit Down-Syndrom ein sehr hohes Risiko für Alzheimer-typische Veränderungen im Gehirn entwickeln – häufig bereits ab etwa dem 35. Lebensjahr.

Ab welchem Alter zeigen sich bei Menschen mit Down-Syndrom typischerweise erste Veränderungen, und wie hoch ist ihr Lebenszeitrisiko für eine Alzheimer-Demenz?

Die typischen Alzheimer-Ablagerungen im Gehirn (Amyloid-Plaques) lassen sich bei den meisten Menschen mit Down-Syndrom bereits ab etwa dem 35. Lebensjahr nachweisen. Die ersten sichtbaren Symptome treten in der Regel um das 50. Lebensjahr auf. Allerdings kann es Unterschiede geben – bei manchen beginnen die Beschwerden früher, bei anderen später. Insgesamt ist das Lebenszeitrisiko sehr hoch: Schätzungen gehen davon aus, dass über 90% der Menschen mit Down-Syndrom im Laufe ihres Lebens eine Alzheimer-Demenz entwickeln.

Welche frühen Anzeichen oder Verhaltensänderungen können darauf hindeuten, dass sich bei einer Person mit Down-Syndrom eine Alzheimer-Erkrankung entwickelt?

Frühe Anzeichen können sich bei Menschen mit Down-Syndrom etwas anders zeigen als in der Allgemeinbevölkerung. Häufig stehen zunächst Verhaltens- und Funktionsveränderungen im Vordergrund.

So kommt es oft zu einem Rückzug oder dazu, dass zuvor vorhandene soziale Fähigkeiten verloren gehen. Viele Betroffene zeigen außerdem einen Antriebsverlust und weniger Eigeninitiative. Auch der Schlaf-Wach-Rhythmus kann sich verändern. Hinzu kommt, dass sich alltägliche Fähigkeiten verschlechtern, zum Beispiel bei der Körperhygiene. Häufig treten auch Stimmungsschwankungen, Ängste oder depressive Symptome auf, manchmal auch zwanghafte Verhaltensweisen.

Ein weiteres wichtiges Anzeichen ist eine Abnahme der kommunikativen Fähigkeiten, die oft schon auftritt, bevor deutliche Gedächtnisprobleme sichtbar werden. Insgesamt zeigt sich die Erkrankung also zu Beginn eher durch Veränderungen im Verhalten und in den Fähigkeiten – und weniger durch klassische Gedächtnisstörungen.

Was macht die Diagnosestellung bei Menschen mit Down-Syndrom besonders herausfordernd – etwa im Hinblick auf individuelle Lern- und Entwicklungsverläufe?

Die Diagnosestellung ist bei Menschen mit Down-Syndrom besonders anspruchsvoll, weil ihre kognitiven Fähigkeiten sehr unterschiedlich ausgeprägt sind und sie oft individuelle Lern- und Entwicklungsverläufe haben. Dadurch ist es bei einer einmaligen Untersuchung schwierig zu beurteilen, ob tatsächlich eine krankhafte Verschlechterung vorliegt oder ob die beobachteten Unterschiede schon immer bestanden haben. Erschwerend kommt hinzu, dass es aufgrund der hohen Häufigkeit der Alzheimer-Erkrankung im höheren Alter kaum ausreichend viele Vergleichspersonen mit Down-Syndrom gibt, die keine kognitiven Einschränkungen haben. Deshalb fehlen für die relevante Altersspanne verlässliche Normwerte für kognitive Tests.

Am aussagekräftigsten ist es daher, für jede Person möglichst früh – nach Abschluss der kognitiven Entwicklung – ein individuelles kognitives Ausgangsprofil zu erstellen. So können spätere Veränderungen besser erkannt und eingeordnet werden.

Zusätzlich treten bei Menschen mit Down-Syndrom häufig andere Erkrankungen auf, zum Beispiel Schilddrüsenunterfunktion, Schlafapnoe oder Depressionen. Diese können ähnliche Symptome wie eine Demenz verursachen und müssen daher sorgfältig abgegrenzt werden.

Aus diesen Gründen erfordert die Diagnostik eine spezialisierte fachliche Expertise, sowohl im Bereich neurodegenerativer Erkrankungen als auch in der Beurteilung von Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung, die in regulären Gedächtnisambulanzen in der Regel nicht gegeben ist.

In unserer Spezialambulanz für Ambulanz Alzheimer bei Downsyndrom (LMU Klinikum, Klinische Neurodegeneration) verfügen wir über diese Expertise und bieten ein umfassendes diagnostisches Spektrum inklusive der Erhebung von kognitiven Ausgangsbefunden an.

Welche Biomarker und diagnostischen Verfahren stehen zur Verfügung, und unterscheiden sich diese von denen der sporadischen Alzheimer-Erkrankung?

Grundsätzlich orientiert sich die Diagnostik an denselben biologischen Prinzipien wie bei der sporadischen Alzheimer-Erkrankung, es gibt jedoch einige Besonderheiten.

Eine wichtige Rolle spielen zunächst sogenannte Liquor-Biomarker, also bestimmte Eiweiße, die im Nervenwasser gemessen werden. Dabei zeigt sich typischerweise ein erniedrigter Wert von Beta-Amyloid (Aβ42) beziehungsweise ein vermindertes Verhältnis von Aβ42 zu Aβ40, während Tau-Proteine (p-Tau und t-Tau) erhöht sind. Diese Veränderungen sind auch bei Menschen mit Down-Syndrom gut nachgewiesen, allerdings müssen dabei andere Ausgangswerte und altersabhängige Veränderungen berücksichtigt werden.

Auch die Bildgebung liefert wichtige Hinweise. In der Amyloid-PET-Untersuchung zeigt sich meist schon sehr früh eine deutlich erhöhte Ablagerung von Amyloid im Gehirn. Weitere Verfahren wie FDG-PET oder MRT zeigen Veränderungen, die denen der sporadischen Alzheimer-Erkrankung ähneln, allerdings häufig früher und stärker ausgeprägt.

Ein weiterer wichtiger Baustein ist die neuropsychologische Diagnostik. Hier ist zu beachten, dass Standardtests nicht geeignet sind. Stattdessen müssen spezielle oder angepasste Testverfahren für Menschen mit Down-Syndrom verwendet werden, wie zum Beispiel der CAMCOG-DS oder der DSQIID.

Zunehmend an Bedeutung gewinnen außerdem blutbasierte Biomarker. Bestimmte Werte wie p-Tau217 oder p-Tau231 werden aktuell intensiv erforscht und zeigen vielversprechende Ansätze für die Diagnostik bei Menschen mit Down-Syndrom.

Wie äußert sich der Krankheitsverlauf bei Menschen mit Down-Syndrom – gibt es Unterschiede im Vergleich zu Menschen ohne Trisomie 21?

Der Krankheitsverlauf der Alzheimer-Demenz bei Menschen mit Down-Syndrom ähnelt grundsätzlich dem der sporadischen Alzheimer-Demenz, weist jedoch einige charakteristische Besonderheiten auf. So beginnt die Erkrankung in der Regel deutlich früher als bei Menschen ohne Trisomie 21. Zudem zeigen sich im Anfangsstadium häufiger ausgeprägte Verhaltenssymptome. Im weiteren Verlauf kommt es oft zu einem Verlust von Alltagsfähigkeiten. Auch zusätzliche neurologische Symptome, insbesondere epileptische Anfälle, treten häufiger auf. Insgesamt scheint die Erkrankung bei Menschen mit Down-Syndrom möglicherweise etwas schneller voranzuschreiten als die Alzheimer-Demenz in der Allgemeinbevölkerung.

Welche therapeutischen Möglichkeiten gibt es derzeit, sowohl medikamentös als auch nichtmedikamentös?

Derzeit stehen für Menschen mit Down-Syndrom und Demenz sowohl medikamentöse als auch nichtmedikamentöse Behandlungsansätze zur Verfügung. Medikamentös werden vor allem sogenannte Cholinesterasehemmer wie Donepezil oder Rivastigmin eingesetzt, die den Krankheitsverlauf stabilisieren können. Bei einer moderaten bis schweren Demenz kann zusätzlich Memantin sinnvoll sein. Beim Einsatz dieser Medikamente muss jedoch berücksichtigt werden, dass die Datenlage bei Menschen mit einem Down Syndrom weniger aussagekräftig ist als in der Allgemeinbevölkerung und außerdem häufige Nebendiagnosen, insbesondere Herzerkrankungen berücksichtigt werden müssen.

Darüber hinaus spielt die Behandlung einzelner Symptome eine wichtige Rolle, zum Beispiel bei Schlafstörungen, Angst, Depressionen oder Verhaltensauffälligkeiten.

Neue, krankheitsverändernde Therapien – etwa Antikörper gegen Amyloid wie Donanemab – werden derzeit erforscht, sind für Menschen mit Down-Syndrom aber aktuell noch nicht regulär zugelassen. Insbesondere die Sicherheit des Einsatzes dieser Medikamente bei Menschen mit einem Down Syndrom wird in Zukunft ein wichtiges Forschungsthema sein, da es zumindest in der Theorie möglich sein könnte den Ausbruch der Erkrankung durch den rechtzeitigen Einsatz dieser Medikamente hinauszuzögern oder gar zu verhindern.

Ein zentraler Bestandteil der Behandlung sind außerdem nichtmedikamentöse Maßnahmen. Dazu gehören ein klar strukturierter Tagesablauf, die Förderung sozialer und kommunikativer Fähigkeiten sowie Therapien wie Physio-, Ergo- und Logopädie. Ebenso wichtig ist die Unterstützung und Beratung von Angehörigen und Betreuungspersonen.

Insgesamt ist ein multidisziplinärer Ansatz mit enger Begleitung entscheidend, um auf die individuellen Bedürfnisse der Betroffenen einzugehen.

Welche Forschungsschwerpunkte sehen Sie aktuell, wenn es um Alzheimer bei Menschen mit Down-Syndrom geht?

Die internationale Forschung – ebenso wie unsere eigene Arbeit – konzentriert sich auf mehrere wichtigen Bereiche. Ein zentraler Schwerpunkt ist die Entwicklung und Validierung von blutbasierten Biomarkern, die eine möglichst frühe und wenig invasive Diagnostik ermöglichen sollen. Außerdem spielen sogenannte Langzeitstudien eine große Rolle. Sie helfen dabei zu verstehen, wie sich die kognitive Entwicklung und die Erkrankung über die Zeit hinweg verändern. Ein weiterer wichtiger Fokus liegt auf Therapiestudien, insbesondere zu neuen Wirkstoffen gegen Amyloid und Tau, die gezielt bei Menschen mit Down-Syndrom untersucht werden. Parallel dazu werden spezielle neuropsychologische Tests und digitale Verfahren entwickelt, die besser auf diese Patientengruppe zugeschnitten sind. Auch die Erforschung von genetischen und entzündlichen Faktoren gewinnt zunehmend an Bedeutung, um die Krankheitsmechanismen genauer zu verstehen. Insgesamt haben Menschen mit Down-Syndrom eine besondere Bedeutung für die Alzheimer-Forschung, da sich die Erkrankung bei ihnen gewissermaßen als ein „natürliches Modell“ der Amyloid-Ablagerung untersuchen lässt.

Gleichzeitig erhält diese Patientengruppe aktuell deutlich mehr Aufmerksamkeit in Forschung und klinischer Versorgung als noch vor einigen Jahren. Das ist eine sehr positive Entwicklung, die dazu beiträgt, die Diagnostik und Behandlung gezielter zu verbessern und die Versorgung der Betroffenen langfristig zu stärken.

Herr Prof. Levin, wir danken Ihnen herzlich für das Interview und Ihre Zeit!

Das Interview führten Dr. Anna Dewenter und Dr. Katharina Bürger.

Zur Person Prof. Dr. med. Johannes Levin:

Prof. Dr. med. Johannes Levin ist Facharzt für Neurologie und Professor für Klinische Neurodegeneration an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Er studierte Humanmedizin an der LMU München und absolvierte dort auch seine fachärztliche Ausbildung an der Neurologischen Klinik.

Er ist Oberarzt am LMU Klinikum sowie Koordinator der klinischen Forschung am Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in München. Seine klinische und wissenschaftliche Arbeit konzentriert sich auf neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson und genetisch bedingte Demenzen.

Ein besonderer Fokus seiner Forschung liegt auf Biomarkern, Krankheitsmechanismen und neuen Therapieansätzen. Prof. Levin ist an zahlreichen internationalen Studien beteiligt, darunter das Dominantly Inherited Alzheimer’s Network (DIAN) und die Genetic Frontotemporal Dementia Initiative (GENFI).

Neben seiner ärztlichen Tätigkeit ist Prof. Levin als Chief Medical Officer bei MODAG GmbH tätig.

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