03_2017
Kann eine verlängerte Schlafzeit ein Anzeichen einer frühen Demenz sein?


Große individuelle Unterschiede beim Schlaf

Schlaf ist eine hochkomplexe Hirnleistung mit großen individuellen Unterschieden. Das spiegelt sich unter anderem darin wider, dass es sehr große Unterschiede in der Schlafdauer und in den Schlafgewohnheiten verschiedener Menschen gibt. Es gibt Menschen, die nach 5 Stunden oder weniger Schlaf frisch und leistungsfähig sind, andere benötigen hingegen 10 und mehr Stunden Schlaf. Beides ist nicht krank und kann ganz normal sein. Zudem ändert sich der Schlaf im Verlauf des Lebens, man denke nur an Kleinkinder, die einen Mittagsschlaf benötigen.

Bei Senioren ändert sich der Schlafrhythmus erneut in diese Richtung, sie brauchen eher einen Mittagsschlaf und dafür weniger Nachtschlaf. Die Ursache von Schlafveränderungen bei prinzipiell gesunden älteren Menschen kann also vollkommen normal sein. Zusätzlich zum veränderten Schlafbedürfnis im Verlauf des Lebens gibt es bei Menschen unterschiedliche Tagesrhythmen, auch dies ist vollkommen normal. Es gibt die sogenannten Lerchen, die extrem früh aufstehen und auch früher müde werden als die meisten Menschen. Sie fühlen sich bei Tagesanbruch besonders leistungsfähig. Hingegen sind die sogenannten Eulen abends lange frisch, morgens aber müde und träge. Aufgrund dieser Faktoren, insbesondere der individuellen Schlafvariabilität, ist es deswegen extrem schwierig, Schlaf im Detail zu untersuchen.

Studie: Hat die Schlafdauer etwas mit der Entwicklung einer Demenz zu tun?

Vor kurzem wurde eine Studie in der medizinischen Fachzeitschrift „Neurology“ veröffentlicht, in welcher untersucht wurde, ob eine lange Schlafdauer (>9 Stunden), eine mittlere (6-9 Stunden) oder eine kurze Schlafdauer (<6 Stunden) mit der Entwicklung einer Demenz in Verbindung gebracht werden kann. Wesentliche Stärken der Studie sind, dass die Untersuchung prospektiv, also in die Zukunft gerichtet, erfolgte, und eine sehr große Zahl von Probanden untersucht wurde, was ein zuverlässiges Ergebnis ermöglicht. Allerdings ist das Raster der Schlaftypen sehr grob. Die Wissenschaftler haben in dem o.g. Raster untersucht, wie die Schlafdauer mit einer Demenz zusammenhängen kann. Insbesondere haben sie die Frage gestellt, ob die Schlafdauer eine Demenz beeinflusst und daher ein Anzeichen für eine bevorstehende Erkrankung ist. 

Mit Hilfe dieser Studie konnte gezeigt werden, dass eine Verlängerung der Schlafdauer ein Anzeichen für die Entwicklung einer Demenz sein kann. Die Änderung der Schlafdauer kann dabei schon länger als ein Jahrzehnt vor Ausbruch der Gedächtnisstörungen auftreten.

Entwickeln die Menschen eine Demenz, weil sie mehr schlafen, oder sind Veränderungen des Schlafbedürfnisses erste Anzeichen der Erkrankung?

Es bleibt also ein klassisches Henne-Ei-Problem. Leider ist diese jüngst veröffentlichte Studie nicht dazu geeignet, diese Fragen zu beantworten. In anderen großen Demenzstudien konnten jedoch bereits Daten erhoben werden, die es erlauben, zumindest einen zeitlichen Zusammenhang zwischen der Verlängerung der Schlafdauer und dem Beginn der bei Demenzerkrankungen charakteristischen Eiweißablagerungen im Gehirn herzustellen.

In diesem Kontext ist es zum Beispiel denkbar, dass Patienten länger schlafen, weil Mechanismen im Schlaf ablaufen, die zur Beseitigung von diesen Eiweißeinlagerungen im Gehirn beitragen. Dies könnte also sozusagen eine Reaktion des Körpers auf den Krankheitsprozess sein.

Allerdings sind auch viele andere Erklärungen möglich, z.B. haben viele Patienten im frühen Krankheitsverlauf einen veränderten Tag-Nacht-Rhythmus. Dies kann dadurch erklärt werden, dass von dem Krankheitsprozess auch Gehirnregionen betroffen sind, welche für Schlaf und die Tag-Nacht-Rhythmik zuständig sind. Insgesamt unterstreicht die Studie, dass es interessante Zusammenhänge zwischen Schlaf und Demenz gibt, aber auch wie hochgradig komplex es ist, Schlaf im Detail zu untersuchen.

Ein weiterer Aspekt dieser Schwierigkeit ist, dass es natürlich auch noch andere Erkrankungen gibt, die die Schlafgewohnheiten beeinflussen und mit kognitiven Störungen in Verbindung zu bringen sind. Ein Beispiel ist das obstruktive Schlaf-Apnoe-Syndrom. Von dieser Erkrankung sind hauptsächlich Leute mit Übergewicht betroffen, welche nachts viel Schnarchen und Atempausen haben. Diese Patienten haben ein extrem hohes Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Krankheit zu erkranken. Besonders die Herzkranzgefäße und Gehirngefäße sind hier betroffen, kleine Schlaganfälle und Schädigungen kleinster Hirngefäße können dann zu kognitiven Störungen führen. Die Atempausen in Kombination führen dazu, dass diese Patienten ineffizient schlafen und deswegen morgens nicht erholt sind und z.B. oft über Kopfschmerzen klagen. Mit Beatmungsmasken können die Symptome jedoch stark gelindert werden. Deshalb kann auch das Risiko einer Demenz, bedingt durch geschädigte Blutgefäße, reduziert werden.

Deutliche Veränderungen im Schlafverhalten ärztlich abklären lassen

Zusammengefasst lässt sich also folgern, dass insbesondere Schlafverhaltensänderungen ein Anzeichen für eine beginnende Demenz sein können. Allerdings gibt es dafür eine sehr lange Reihe anderer Erklärungen. Die Kernfrage, die sich jeder stellen kann, ist: Sind Sie morgens, wenn Sie aufwachen, erholt? Falls nicht und falls sich das Schlafverhalten deutlich geändert hat, sollte man unbedingt einen Arzt aufsuchen und dies näher untersuchen lassen.

Bild von PD. Dr. Johannes Levin

 

Zur Person PD. Dr. Johannes Levin:

Herr PD. Dr. Johannes Levin leitet die Ambulanz für neurodegenerative Erkrankungen und Verhaltensstörungen an der Neurologischen Klinik und Poliklinik am Klinikum Großhadern (Klinikum der Universität München). Er beschäftigt sich mit der molekularen Diagnostik und klinisch-pathologischen Korrelation von neurodegenerativen Erkrankungen, sowie der Entwicklung und Erprobung von verlaufsmodifizierenden Behandlungsmöglichkeiten.

Letzte Änderung: 24.04.2017