05_2016 "Antikörper Therapie gegen Alzheimer – was steckt hinter dem Hype?"


    Vor knapp zwei Wochen konnte man ein gutes Beispiel für ein Phänomen beobachten, welches uns dazu bewegt hat das EinBlickDemenz Projekt zu starten. Das Fachmagazin Nature veröffentlichte eine wissenschaftliche Arbeit, welche Forschungsergebnisse zu einem potentiellen neuen Medikament, Adenacumab, für die Behandlung der Alzheimererkrankung zeigt. Diese Nachricht schlug in den Medien regelrecht ein. Über Adenacumab berichteten wir schon letztes Jahr im April, nachdem erste Ergebnisse einer Phase 1 klinischen Studie auf einer großen Alzheimer-Konferenz gefeiert wurden.


    Was ist Adenacumab?

    Bei dem potentiellen Medikament handelt es sich um einen Antikörper der das Protein Amyloid-beta erkennt, welches als einer der Auslöser der Alzheimer-Erkrankung gesehen wird. Antikörper sind wichtige Bestandteile der körpereigenen Abwehr gegen Schadstoffe, welche dem Immunsystem helfen Fremdstoffe oder schädliche Substanzen zu erkennen um diese zu bekämpfen. Diesen Mechanismus macht man sich zunutze, um die Abwehr auf das sich verklumpende und Nervenzellen tötende Eiweiß Amyloid-beta aufmerksam zu machen und den Abbau dieser Substanz durch das Immunsystem auszulösen. Diese Idee ist nicht neu, aber selten wurde sie auf so interessante Weise umgesetzt. Die Forscher des Pharmakonzerns Biogen untersuchten eine Gruppe von Menschen die trotz hohem Alters nicht an Alzheimer erkrankten und fanden heraus, dass diese einen Mechanismus besitzen das giftige Eiweiß Amyloid-beta zu erkennen und abzubauen. Aus dieser Entdeckung wurde der Antikörper Adenacumab entwickelt.


    Welche Bedeutung haben diese Ergebnisse?

    In der Tat, sind die Ergebnisse der gesamten Phase 1 Studie welche in dem Fachmagazin Nature veröffentlicht wurden sehr vielversprechend, aber was haben diese für Bedeutung? Ist das der Durchbruch oder sogar die Heilung wie einige große Medien über die letzten Wochen titelten? Dazu muss man ganz klar sagen, nein, so weit sind wir noch nicht. Die Ergebnisse kommen aus einer ersten klinischen Studie mit 165 Patienten mit sehr milder Form von Alzheimer. Das ist eine kleine Studie und bis zu einer Zulassung als Medikament braucht es trotz der Beschleunigung des Verfahrens für Adenacumab noch eine große umfangreiche Phase 3 Studie mit mehreren 1000 Patienten, welche gerade erst begonnen hat. Erst danach kann man genauer sagen wie gut diese Ergebnisse sind und ob sie sich in einer größeren Fallzahl bestätigen lassen. Anschließend bilden sich die europäischen und amerikanischen Zulassungsbehörden anhand dieser Ergebnisse eine Meinung.

    Bis zu einer Zulassung vergehen also in jedem Fall noch einige Jahre.
    Nichtsdestotrotz stimmen die ersten Ergebnisse, über die gerade viel gesprochen wird, zuversichtlich. Die Patienten in der Studie wurden über ein Jahr monatlich mit verschiedenen Dosen von Adenacumab behandelt und interessanterweise konnten die Forscher feststellen, dass Adenacumab Dosis und Zeit-abhängig die Menge an Amyloid-beta Ablagerungen in den Gehirnen der Patienten reduzierte. Außerdem konnte auch zum ersten Mal eine Verlangsamung des Fortschritts der Alzheimer Erkrankung in Patienten festgestellt werden anhand von 2 verschiedenen klinisch anerkannten Testverfahren. In der höchsten Dosierung gab es allerdings auch einige Nebenwirkungen, welche Amyloid-assozierte Anomalien genannt werden und zu einer Schwellung des Gehirns führen, etwas das sicherlich nicht außer Acht gelassen werden sollte.


    Was nehmen wir also mit aus dieser Studie?

    Die Studie kann man als eine weitere Bestätigung sehen, dass Amyloid-beta eine wichtige Rolle in der Entstehung der Alzheimer-Erkrankung spielt und auch nach einigen Misserfolgen in der Medikamentenentwicklung in den letzten 20 Jahren doch ein wichtiger Ansatzpunkt in der Behandlung von Alzheimer ist. Außerdem zeigt die Studie, wie wichtig es ist das richtige Studiendesign zu wählen, also die Patienten zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Erkrankung für Studien zu gewinnen. Damit dies möglich ist braucht es natürlich auch bessere Diagnose-Verfahren. Neue Diagnoseverfahren wie spezielle bildgebende Verfahren zur Erkennung von Amyloid-beta Ablagerungen waren sicher auch ein wichtiger Faktor der zum Erfolg dieser Studie beigetragen hat und zeigen, dass die Forscher durchaus aus den Misserfolgen der Vergangenheit gelernt haben und ein Fortschritt in der Behandlung der Alzheimer-Erkrankung möglich ist. Wenn auch nicht so schnell wie wir es uns alle wünschen würden. Man muss aber immer daran denken, dass die Sicherheit für den Menschen absolut an erster Stelle steht und deshalb auch eine gründliche Prüfung von Medikamentenkandidaten sehr wichtig ist, auch das haben wir aus der Vergangenheit gelernt. Alles in allem stimmen uns die Ergebnisse durchaus positiv, wenn wir uns auch ganz klar von dem entstanden Hype distanzieren möchten und lieber zu vorsichtigem Optimismus tendieren.

    Herr Prof. Haass, vielen Dank für das Gespräch.

     

    Anmerkung für Betroffene und Angehörige, die sich für eine mögliche Teilnahme an einer klinischen Studie mit einem Medikament gegen Alzheimer interessieren: Der Ansprechpartner für die Teilnahme an klinischen Studien des Deutschen Zentrums für neurodegenerative Erkrankungen, DZNE, ist der medizinische Direktor, Prof. Dr. Thomas Klockgether. Den Kontakt finden Sie hier: www.dzne.de/standorte/bonn/forschergruppen/klockgether.html

    Interview mit Prof. Dr. Dr. h.c. Christian Haass (Textfassung Dr. Stephanie May)

    Letzte Änderung: 12.11.2016