04_2015
"Kakao, Kaffee oder Kokosöl? Durch den Dschungel der Ernährungsmythen bei Demenzerkrankungen."

 

Es vergeht selten ein Monat in dem nicht eine neue Ernährungsempfehlung oder ein neues Naturmittelchen, welches bei Demenz helfen soll, durch die Medien geistert. Aber was ist dran an MIND-Diät (Mediterranean-DASH Intervention for Neurodegenerative Delay), Kaffee oder Kakao als Schutz vor Demenz?

Insgesamt ist es schwierig einen Effekt der Ernährung auf eine spezielle Krankheit nachzuweisen. Hier ein Beispiel zur Verdeutlichung:

Nehmen wir an, wir möchten herausfinden, ob Menschen, die regelmäßig Bananen essen, gesünder sind als solche, die Bananen verabscheuen. Hierzu vergleichen wir eine Gruppe, die täglich mindestens eine Bananen zu sich nimmt, mit einer zweiten Gruppe, die Bananen verabscheut, und stellen zu unserer Überraschung fest, dass der Verzehr von Bananen mit einer höheren Leistung in einem Gedächtnistest verbunden ist. Verbessern Bananen das Gedächtnis? Das große Problem ist, dass wir nach dem Abschluss dieser Studie nicht wissen, ob der Unterschied zwischen den beiden Gruppen in dem Gedächtnistest an den Bananen liegt. Es ist auch möglich, dass Bananen-Vermeider andere Faktoren haben, die für ihr schlechteres Gedächtnis verantwortlich sind. Also muss man innerhalb einer Gruppe von Versuchspersonen eine Zufallszuteilung vornehmen (Randomisierung), wie bei einer Medikamentenstudie. Das heißt, man müsste die Studienteilnehmer zufallsbasiert in eine der beiden Gruppen zuteilen. Während die eine Gruppe dann über einen bestimmten Zeitraum täglich Bananen isst, tut die andere das nicht. Dies nennt man dann eine kontrollierte und randomisierte Studie. Nur auf diesem Weg lässt sich eine ursächliche Wirkung eines Faktors wie der Verzehr von Bananen nachweisen. Bei Ernährungsfragestellungen ist das allerdings eine Schwierigkeit, denn man muss die Lebensgewohnheiten von Menschen über einen längeren Zeitraum steuern. Inzwischen gibt es aber mehrere solche Untersuchungen. Sie zeigen, dass Ernährungsfaktoren bei gesunden älteren Erwachsenen und bei Menschen mit geringgradigen kognitiven Einschränkungen einzelne geistige Leistungen wie Kurzzeitgedächtnis oder Kombinationsfähigkeit minimal verbessern können. Unklar ist allerdings, ob diese Verbesserungen klinisch bedeutsam sind. Auch gibt es bisher keine Langzeitstudie, die gezeigt hat, dass bestimmte Ernährungsweisen das Auftreten von kognitiven Störungen und deren Fortschreiten zur Demenz verzögern oder gar verhindern können. Dabei ist es gleichgültig ob man über Vitamine, Omega-3-Fettsäuren, mediterrane Kost, Koffein oder grünen Tee spricht. In allen Fällen braucht es noch längere und besonders auch größere (mehr Studienteilnehmer) randomisierte Studien um eine stichhaltige Beweislage zu erhalten.

Jedoch lässt sich aber sagen, dass die Symptome der Alzheimer-Krankheit früher auftreten und stärker ausgeprägt sind, wenn zusätzlich Durchblutungsstörungen des Gehirns vorliegen. Eine gesunde Ernährung wirkt einem erhöhten Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen entgegen, verringert also das Risiko von Gefäßerkrankungen. Allein das ist ein Grund, auf eine gesunde und ausgewogene Ernährung zu achten. Ob man den Speiseplan mediterran, vegetarisch oder anders gestaltet, ist eine Frage des persönlichen Geschmacks.

Interview mit Prof. Dr. Alexander Kurz
(Textfassung Stephanie May)

 

Zur Person Prof. Dr. Alexander Kurz:

Herr Prof. Dr. Alexander Kurz leitet seit vielen Jahren das Zentrum für Kognitive Störungen an der Klinik für Psychiatrie, Klinikum rechts der Isar, Technische Universität München. Seit 1985 beschäftigt er sich mit Demenzerkrankungen, in den letzten Jahren vor allem mit der Entwicklung und Erprobung von nicht-medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten und dem Einsatz von technischen Hilfen für Patienten und Angehörige.

 

 

Letzte Änderung: 07.11.2016