02_2015
"Kann ein Schuppenflechte-Medikament auch bei Alzheimer helfen?"

 

In dem folgenden Artikel beschäftigen wir uns mit dem Medikament Acitretin, welches derzeit als Therapiemöglichkeit für Alzheimer diskutiert wird. Hierzu wurde der Wissenschaftler PD Dr. Sven Lammich, der mit Prof. Falk Fahrenholz die α Sekretase ADAM10 entdeckte, befragt.

 

Kann ein Schuppenflechte-Medikament auch bei Alzheimer helfen?

Die Ursachen für Alzheimer sind bislang noch nicht geklärt, doch scheinen viele verschiedene Faktoren die Entstehung zu beeinflussen. Im Gehirn von Alzheimer Patienten findet man Eiweißablagerungen, die hauptsächlich aus nervenschädigendem Beta-Amyloid Eiweiß (Aβ) bestehen.
Die Substanz Aβ entsteht nach Spaltung eines Eiweißes (Amyloid Vorläuferprotein= APP), welches sich in den Außenseiten (Membranen) von Nervenzellen befindet. Hierbei wird Aβ durch die molekularen Scheren β Sekretase und γ-Sekretase erzeugt. Eine verstärkte Bildung bzw. ein verminderter Abbau von Aβ führt zur Anhäufung und Aggregation von Aβ. Es bilden sich mit der Zeit die sogenannten Alzheimer Plaques (Aβ Eiweißablagerungen) außerhalb der Nervenzellen. Die Spaltung von APP durch die α Sekretase ADAM10 innerhalb der Aβ Sequenz verhindert die Bildung von Aβ und führt zur Freisetzung eines löslichen Stoffes (APPsα), welcher schützende Eigenschaften besitzt.


Adaptiert aus der Veröffentlichung: Reviewing reasons for the decreased CSF Abeta42 concentration in Alzheimer disease (Spies et al. (2012) Frontiers in Bioscience 17, 2024-2034)

Daher ist eine gezielte,  lokale Stimulierung der α-Sekretase ADAM10 im Gehirn von Alzheimer Patienten ein plausibler therapeutischer Ansatzpunkt zur Behandlung der Alzheimer Erkrankung. Durch die vermehrte Bildung von APPsα und der dadurch bedingten verminderten Bildung des nervenschädigendem Stoffes Aβ erhofft man sich eine Stabilisierung der kognitiven Fähigkeiten der behandelten Patienten.
In Laborversuchen konnten Dr. Kristina Endres und Prof. Falk Fahrenholz an der Johannes Gutenberg Universität Mainz bereits zeigen, dass die dem Vitamin A ähnliche Substanz Acitretin die  Aktivität der α-Sekretase ADAM10 ankurbelt und so zu einer erhöhten Bildung von APPsα führt. In einer nun durchgeführten klinischen Studie von Dr. Endres und Prof. Dr. med. Andreas Fellgiebel wurden elf Alzheimer Patienten mit Acitretin, einem Wirkstoff, der auch bei schweren Formen der Hauterkrankung Schuppenflechte verschrieben wird, für 4 Wochen behandelt. Zu Beginn und am Ende der Studie wurde den Patienten Rückenmarksflüssigkeit entnommen, um die Konzentration von Aβ und APPsα zu bestimmen. Das Ziel, eine Verringerung von Aβ, konnte in der Studie leider nicht beobachtet werden. Allerdings wurde ein Anstieg von APPsα um 25% in den mit Acitretin behandelten Patienten gemessen.
Selbst wenn der beobachtete Anstieg von APPsα auf den ersten Blick recht zuversichtlich stimmt, sollte man in einer größeren, mit mehr Patienten angelegten klinischen Studie äußerst vorsichtig sein, da die α Sekretase ADAM10 neben dem Eiweiß APP sehr viele andere Substrate im Körper schneidet, wie z.B.  Wachstumsfaktoren oder Moleküle, die bei Entzündungsprozessen eine Rolle spielen. Ein weiterer Grund zur Vorsicht ist die Tatsache, dass ADAM10  bei einigen Formen von Krebs erhöht ist. Es ist daher völlig  unvorhersehbar, welche Folgen und Nebeneffekte eine Erhöhung der ADAM10-Aktivität nach sich ziehen kann.

Interview mit PD Dr. Sven Lammich
(Textfassung Carina Lehmer)

Bild von Dr. Sven Lammich
PD Dr. Sven Lammich

 

Zur Person PD Dr. Sven Lammich:

PD Dr. Sven Lammich studierte Biochemie in Frankfurt und promovierte im Jahr 1999 bei Prof. Dr. Dr. h.c. Falk Fahrenholz am Institut für Biochemie in Mainz. Seit 2000 arbeitet Dr. Lammich am Lehrstuhl von Prof. Dr. Dr. hc. Christian Haass an der LMU München, wo er sich aktuell mit der Regulation der α- und der β Sekretase auseinandersetzt.

Letzte Änderung: 07.11.2016